Gipfel zum Greifen nah

Es gibt wenige Orte in der Schweiz wie Arolla (VS): entlegen genug, um Ruhe zu finden, nah genug, um mit Zug und Postauto bequem erreichbar zu sein.

Wo gibts das noch? Tellerlifte, die sich bis auf 3000 Meter über Meer hinaufwinden, bis mächtige Gipfel grüssen: Salut Mont Collon (3637 Meter), Pigne d’Arolla (3790 Meter) und Mont Blanc de Cheilon (3870 Meter)! Nur wenige Kilometer Luftlinie entfernt liegt das noble Zermatt, doch mit dem Jet-Set-Ort hat Arolla so wenig gemein wie ein alter Jeep mit einer Luxus- Geländelimousine. Die Geländelimousine ist grösser, teurer und luxuriöser, der Jeep authentischer und in mancherlei Hinsicht sympathischer.

Noch Mitte des 20. Jahrhunderts war Arolla nur auf dem Maultierpfad erreichbar. Von Les Haudères gings in drei Stunden für 4.50 Franken pro Person und Maultier hinauf bis nach Arolla. Erst Anfang der 1960er-Jahre wurde der Pfad zur Strasse ausgebaut und 1968 auch im Winter geöffnet – der Startschuss für den Wintertourismus in Arolla. Erstmals bediente ein mit Schneeketten ausgerüstetes Postauto zweimal täglich die auf 2000 Meter über Meer gelegene Ortschaft. Voller Stolz bemerkte die Lokalzeitung, Arolla verfüge nun über die höchstgelegene Winter-Buslinie der Alpen.

Aber Achtung! Im lawinengefährdeten Val d’Hérens ist für Behörden wie für PostAuto Sicherheit das oberste Gebot. Und vielleicht wäre aus Chantal Bournissen keine Skiweltmeisterin geworden, wenn die Strasse ins Tal im Winter nicht häufig tagelang wegen Lawinengefahr gesperrt gewesen wäre. Für Bournissen, die aus Arolla stammt und 1991 den Weltmeisterund Weltcuptitel errang, bedeutete dies: Schulfrei und ab auf die Piste!

Keine Familie kennt die Bergwelt Arollas besser als die Bournissens. Chantals Urgrossvater Jean war bereits in den 1920er- Jahren Bergführer im Grand Hôtel & Kurhaus gewesen, ebenso ihr Grossvater. Ihr Vater hat 1970 die örtliche Skischule gegründet, die heute Chantals Bruder weiterführt. «Die Berge», sagt sie, «sind Teil meiner Familie.» Und die Berge sind Arollas Kapital. Luxushotels, teure Autos und edle Boutiquen fehlen. Nur die Bergwelt trumpft hier auf, raubt Unterländern den Atem, etwa wenn sie auf dem Tellerlift an den Dreitausendern vorbeigleiten. Echte Bergsportler freilich rücken den weissen Riesen mit Tourenski auf den Pelz und rasten zum Beispiel in der Cabane des Vignettes. Und wer begrüsst einen dort mit einer deftigen Suppe? Hüttenwart Jean-Michel Bournissen, Chantals zweiter Bruder.

Ermattet von Höhenluft und Bewegung ist es Zeit einzukehren – am besten im Grand Hôtel & Kurhaus Arolla. Das 1896 erbaute Haus ist zauberhaft in einem Arvenwald gelegen und wird in vierter Generation von Peter Weatherill geführt. Seine Urgrossmutter wacht noch heute von einem Gemälde aus über ihr Erbe. Mit Genugtuung nimmt sie wohl zur Kenntnis, wie ihr Urenkel einige ihrer Marotten weiterpflegt. Die Stoffservietten etwa werden nicht täglich neu gedeckt, sondern von den Gästen nach dem Essen zusammengefaltet, in ein Couvert gesteckt und in einem Holzfächlein deponiert. Das ist ulkig und kultig zugleich.

Natürlich ist das Grand Hôtel & Kurhaus kein wirkliches Grand Hôtel mehr. Zwei Sterne glänzen, doch diese umso schöner. Typisch Arolla eben.